... Der Kontaktmensch mit Weitblick


"Im Auftrag der Freunde unseres vaterstädtischen Karnevals hat Herr G. W. Fleischmann zu einer zwanglosen Besprechung zwecks Gründung einer Karnevalgesellschaft Einladung ergehen lassen und war diesselbe erfreulicherweise mit Erfolg gekrönt. Das war am 21.1.1937..." So steht es auf der ersten Seite des ältesten Protokollbuchs der SKG. Georg Wilhelm Fleischmann, von dem die Rede ist, stammte aus ehrbarer, vielköpfiger Speyerer Familie und wurde daselbst mit gewöhnlichem Rheinwasser getauft, weil anno 1907 noch niemand einen Schimmer hatte, welch großer Narr in ihm steckte. Die zeigte sich um so deutlicher, als er als erster Präsident der SKG das Steuer des Narrenschiffs übernahm.

Eine erste Zusammenkunft der Mittelrheinischen Karnevalisten in Worms wurde von Speyer beschickt und im Oktober tagten - ebenfalls auf Einladung von G. W. Fleischmann - 16 südwest-deutsche Karnevalvereine mit 77 Vertretern in Speyer und gründeten die Arbeitsgemeinschaft südwest-deutscher Karnevalvereine. Sie gilt als die Geburtsstunde der später von Fleischmann bis zu seinem Tod im Jahr 1974 präsidierten Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine, deren Sitz bis heute in Speyer ist.

Die Speyerer Karnevalgesellschaft hatte er 1952 hinter sich gelassen. Scheinbar. In Wahrheit blutete ihm das Narrenherz bis zu seinem viel zu frühen Tod im Oktober 1974, 67 Jahre alt, wenn er sich der Tage erinnerte, als seine lieben Speyerer Freunde eine andere Fasnacht machen wollten als er. Ihm zu widersprechen war eine Narrensünde. Er war immer ein Einzelkämpfer. Und nicht nur ein närrischer. Seiner Zeit eilte er mit seinen Ideen und Plänen meist weit voraus. Und wenn er ihr einmal hinterher hinkte - war die Zeit schuld. Er hatte viele, viele Freunde, in der ganzen deutschen Fasnacht und bis nach Kanada, Österreich und Jugoslawien, wohin er gerne Karneval und Lebensfreude exportierte. Die ihn nicht mochten, konnten ihn - in Ruhe lassen! Über Kleinkram war er erhaben, der "Große".

Willy, mit dem Markenzeichen "GWF", war meist unterwegs. Mit dem Fahrrad, der Eisenbahn oder zum Billigtarif im Auto eines guten Freundes. Am Steuer saß er da nie. Dafür um so lieber steuernd in allen möglichen Positionen und (meist Ehren-)Ämtem. Als Junger in der Arbeitsgemeinschaft Speyerer Jugendverbände, Landesfeldmeister der Pfadfinderverbände Süddeutschlands, Brauchtumshüter und Trachtler, Backlehrer und Meisterprüfungskommissär der Bäcker, Speyerer Obermeister und Landesinnungsrneister. Seine "Gründerzeit" hatte neben der SKG und der Vereinigung badisch-pfälzischer Karnevalvereine die Stationen Funkenkorps Rot-Weiß, Freunde des Martinszuges in Speyer, Vereinigung der Zirkusfreunde. Er war Mitglied der Filmselbstkontrolle, im Vorstand des Verkehrsvereins und, wie anders, im Präsidium des Bundes Deutscher Karneval, wo er es bis zum Vize brachte. Dies ist nicht alles - Brot soll er auch noch gebacken haben. Neun Kinder sahen ihren Vater selten. Aber dafür war ja seine liebe Maria da. Fürs Hausgemachte ...

Am liebsten war er unter Freunden. Es waren nicht nur Narren, auch Künstler, Schauspieler, Artisten, Circusleute, Bäckerkollegen, Pfarrer. Nur mit Griesgrämigen und Pessimisten hatte er nicht so gerne zu tun. "Ich komme soeben gerade aus einer Sitzung mit meinen Freunden in ..." - so eröffnete er fast jede Sitzung, nicht ohne dezenten Hinweis auf die nächste Sitzung, die er wiederum mit den Worten begann: "Ich komme soeben ..."

Als sein großes Narrenherz bei einer Zusammenkunft mit Circusfreunden in Pirmasens plötzlich versagte, wußten viele seiner Freunde erst, was er ihnen war. Kein Bequemer, ein Mensch mit unbeugsamem Willen für idealistische Ziele, ein Mann mit Ecken und Kanten, den es nicht störte, wenn er aneckte, ein Narr - aber im besten Sinn und von höchsten Graden. Die Hunderte von niederen und mittleren Orden, Ehrenurkunden und Trophäen hängen in seinem "Narrenstübchen" in der Kleinen Pfaffengasse. Er hat sich dort selbst eine Gedenkstätte eingerichtet. Für den höchsten Orden hatte er immer den Hals frei - den Goldenen Löwen der badisch-pfälzischen Fasnacht. Er hatte ihn schließlich selbst gestiftet - und seine Freunde verliehen ihm noch die Diamanten dazu.