Die Entstehung der SKG

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg... Dieser führt über den Verkehrsverein. Um die unerwünschte und bereits zweimal abgelehnte Neugründung zu umgehen, soll die Speyerer Karnevalgesellschaft als eigenständige Organisation innerhalb des Verkehrsvereins gegründet werden. Am 21. Januar werden bei einer Vorbesprechung die Weichen gestellt...

Am 1. Februar ist es dann soweit: es findet die konstituierende Gründungsversammlung der "Neuen Speyerer Karnevalgesellschaft im Verkehrsverein e.V." statt - der ellenlange Name verkürzt sich bald auf Speyerer Karnevalgesellschaft oder SKG. Erster Präsident wird Georg Wilhelm Fleischmann, 41 Freunde des Karnevals aus allen Bevölkerungsschichten tragen sich noch am gleichen Abend in die Mitgliederliste ein.

Zur gleichen Zeit wird die Gambrina aufgelöst, ihre restlichen Mitglieder gehen fast vollständig in der SKG auf, die damit zum direkten Nachfolger der traditionsreichen Gesellschaft von 1887 wird.

Im Oktober tagten auf Einladung von Georg W. Fleischmann 16 südwestdeutsche Karnevalvereine in Speyer und gründeten die Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Karnevalvereine, aus der die Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine hervorging, deren Sitz heute noch in Speyer ist.

Bei dem mit dieser Tagung zusammenfallenden Herbstball wurde die erste Speyerer Fasnachtsprinzessin gewählt: Elfriede I. aus dem Hause Buchenberger.

1937 ist das Geburtsjahr der SKG - auf dem Papier. Tatsächlich reichen die Wurzeln jedoch bis ins 19. Jahrhundert zurück, als im Jahre 1887 die Gesellschaft Gambrina gegründet wurde - sie bestand als letzter der großen Speyerer Geselligkeitsvereine bis in die 30er Jahre. 1936 wollten die Gründerväter der SKG mit der Gambrina einen gemeinsamen Neuanfang wagen - Staatspolizei und Kreiskulturwart verhinderten jedoch mit einem strikten Nein den Zusammenschluß und damit die Rechtsnachfolge. In der Praxis ging die Gambrina allerdings vollständig in der SKG auf - der Übergang war nahtlos erfolgt.

Die Konstituierende Gründungsversammlung der SKG fand am 1. Februar 1937 statt, erster Präsident wurde Georg Wilhem Fleischmann. Bis dahin waren allerdings etliche Geburtswehen zu überstehen...

Mit einem grandiosen Auftakt ging es an die Öffentlichkeit. Bereits eine Woche nach der Vereinsgründung veranstaltete die SKG am Rosenmontag 1937 ein Faschingsparadies in allen Räumen des Wittelsbacher Hofes, ein Ereignis, das von der Presse als "karnevalistischer Volltreffer" bezeichnet wurde. Und die Bedürfnisfrage, die von den Behörden so schroff verneint wurde, wurde an diesem Abend von der Bevölkerung tausendfach bejaht - scharenweise strömten die Freunde der Fasnacht in den Wittelsbacher Hof, der bereits um halb neun Uhr wegen Überfüllung geschlossen wurde. Erlauchte Gäste von traditionsreichen Karnevalgesellschaften wie Feurio Mannheim, Eule Friesenheim, Rheinschanze Ludwigshafen und Fröhlich Pfalz Mannheim gaben der jungen Karnevalgesellschaft die Ehre. Paul Doll, Vorstandsmitglied und SKG-Narr der ersten Stunde, hielt an diesem Abend die Taufrede seiner Karnevalgesellschaft. Das Rosenmontags-Faschingsparadies eröffnete der Speyerer Fasnacht eine strahlende Zukunft...

 

 

 

Nach dem Volltreffer am Rosenmontag folgten im April ein Froher Bunter Abend und im Juni ein Ehrenabend der Artistenfamilie Detzner. Beide Veranstaltungen festigten den guten Ruf der jungen Kamevalgesellschaft. In seinem Jahresbericht auf der ersten Hauptversammlung der SKG im Dezember 1937 konnte Präsident Fleischmann einen stolzen Rückblick halten und einen Stand von 115 Mitgliedern feststellen. Die Gesellschaft hatte ihre Daseinsberechtigung erkämpft.

Und sie hatte ihren eigenen Narrenruf gefunden, "Hajo" eine glückliche Eingebung des Elferrats Carl Winkler.

"Zum erstenmal in der mehr als tausendjährigen Geschichte unserer ruhmreichen Kaiserstadt wird ein Speyerer Mädel dazu ausersehen werden müssen, unsere fröhlichen Belange im Fasching des kommenden Frühjahrs würdig zu vertreten. Ihr entzückenden Speyerer Mädel, die ihr den Festen erst den rechten Glanz verleiht, hört, was eine hochwohllöbliche Narrenkommission zu künden hat: Wir suchen das goldige Speyerer Mädel."

So wurde die Wahl der ersten Speyerer Fasnachtsprinzessin in der Zeitung ausgeschrieben. Im festlichen Rahmen des Herbstballes der Tanzschule Albert Krüger am 9. Oktober 1937 im Wittelsbacher Hof sollte erstmals eine Prinzessin für die neugegründete SKG auserkoren werden - bei den vielen "goldigen Mädels" im Saal sicher eine schwere Entscheidung für die drei Präsidenten der Karnevalgesellschaften aus Worms, Ludwigshafen und Neustadt, welche den Wahlausschuß bildeten.

Die Wahl fiel auf Elfriede Buchenberger, "rank und schlank, anmutig von Haltung und Bewegung, groß und etwas vorstellend, Haare braun, Augen wie Tollkirschen, Nase ganz leicht stups, Mund fertig, lacht gern und sitzt auf dem rechten Fleck usw." wie Hans Dampf in der NAZ vom 11.10.1937 schrieb - die Erste einer langen Reihe von charmanten Repräsentantinnen der Speyerer Fasnacht in Stadt und Land.

Am 10. Oktober tagten auf Einladung von SKG-Präsident Fleischmann 16 südwest-deutsche Karnevalvereine mit 77 Vertretern in Speyer und gründeten die Arbeitsgemeinschaft südwest-deutscher Karnevalvereine. Sie gilt als die Geburtsstunde der später von Fleischmann bis zu seinem Tod präsidierten Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine, deren Sitz heute noch in Speyer ist.

1938 - Mit Volldampf voraus !

Ein wahrer närrischer Volltreffer war die Eröffnungsprunksitzung am 1. Januar 1938 im Wittelsbacher Hof. "Mir henn unser Speyerer Faasenacht widder" schrieb der Pfälzer Anzeiger darüber, "schöner und großartiger als sie wohl je bestanden hat." Die SKG hatte ihre Symbole gefunden: Die Narrenfarben grün-gelb-rot-weiß-blau, in denen Fahnen und Narrenkappen gehalten sind - und die Nachbildung des Domnapfes in halber Größe als Narrenbütte. Wer seitdem in Speyer das närrische Wort ergreifen wollte, stieg in die Dumschüssel - in alten Zeiten der Grenzpunkt zwischen weltlicher und geistlicher Obrigkeit, der von jedem neuen Bischof mit Wein für das Volk gefüllt wurde... Neben Garde, Elferrat und Fasnachtsprinzessin war auch der buntscheckige Kasper oder Harlekin präsent, der Vorgänger des rot-weißen Till, der in weiblicher oder männlicher Verkörperung ein treuer Begleiter der Speyerer Fasnacht war und ist.

Schlag auf Schlag ging es weiter. Trachtenball und Kostümfest, eine lustige Singstunde, zu der "Gottlieb" Max Velten, der in dieser Rolle schon bei der Fidelia und Gambrina ein gern gesehener Karnevalist war, die Lieder geschrieben hatte, eine Masken- und Kostümschau unter Mitwirkung des Schneider-, Hutmacher- und Friseurhandwerks sowie des Kaufhauses Hassenpflug, die erste Schiffssitzung in der Anker-Brauerei mit einem Büttenredner-Wettbewerb und schließlich am 29. Januar ein Maskenball unter dem Motto ".. und im Walde sind die Räuber". Es war dies der erste der später immer wieder begehrten Räuberbälle!

Im Februar wurde die erste Fasnachtszeitung der SKG unter dem Titel HAJO herausgegeben - der Narrenruf HAJO, eine glückliche Eingebung des Elferrats Carl Winkler gehörte von Anfang an zur SKG-Fasnacht.

Um die Speyerer Fasnacht und die SKG stilgerecht zu begießen, stiftete am 11. November der Direktor der Kurpfalz-Sektkellerei und SKG-Vizepräsident Josef Schecher den "Narrenberger", ein spritziger Trunk, der bis heute die Hausmarke der SKG geblieben ist...

Prinzessin Elfriede ging samt närrischem Gefolge auf Staatsbesuch einer gemeinsamen Sitzung bei der Großen Karnevalgesellschaft Mannheim-Lindenhof (Grokageli), hoher Besuch wie das Landauer Prinzenpaar Walter 1. von Landavien und seine holde Gemahlin Helmi kamen nach Speyer - die SKG hatte sich etabliert. 155 Mitglieder zählte sie inzwischen, die 17 SKG-Veranstaltungen während der Fasnacht 1938 lockten insgesamt über 8000 Besucher an.

 

 

 

 

 

 

 

 



Höhepunkt der Fasnacht 1938 war trotz aller Trümpfe der erste Fasnachtszug nach jahrzehntelanger Unterbrechung. Ab 13 Uhr waren alle Geschäfte geschlossen. Tausende drängten sich auf der Hauptstraße und zur Schlußfeier auf dem Marktplatz. 23 Zugnummern wurden gezählt. Festwagen mit Witz und Ironie zogen mit Narren und Musik von der Sektkellerei über den Schützenbuckel, Gilgenstraße durch die Hauptstraße bis zum Domnapf und - im Gegenzug - zurück zum Marktplatz. Mit Recht schrieb die Speyerer Presse: "Ein Fasnachtsumzug wie noch nie!"

Am 15. Oktober 1938 wurde bei einem großen Herbstball im Wittelsbacher Hof die zweite Speyerer Fasnachtsprinzessin gewählt: Else I. (Püttmann) wurde als goldigstes Mädel von Speyer "vom ganzen tanzenden Volk erkoren".

Mit einer Kappenfahrt des Elferrates und einem Morgenständchen vor dem Haus der Prinzessin Else begannen die letzten tollen Tage. Anschließend begaben sich Elferrat und Tollität samt Gefolge zu einem feierlichen Empfang durch Oberbürgermeister Leiling ins Rathaus, worauf der Präsident das Stadtregiment übernahm und die gesamte Gefolgschaft der Stadtverwaltung in die Narrenfreiheit entließ.

1939 - Narrenschiff auf voller Fahrt !

Am 1. Januar 1939 ging dann das "SKG-Narrenschiff" - es diente später auch als prächtige Bühnendekoration - endgültig mit vollen Segeln in die närrischen Wogen. In dieser prunkvollen Sitzung in der Stadthalle erlebte die Speyerer Fasnacht die Uraufführung jenes Liedes, das zur Hajo-Hymne der SKG wurde und später bei keiner Veranstaltung, meist als glorreicher Schlußgesang, fehlen durfte.

"Hajo, hajo, heit Nacht - heit Nacht werd durchgemacht..." Den originellen Text schrieb Elferrat Dr. Richard Mandler, die zündende Melodie komponierte Wilhelm Purrmann. Die Operettensoubrette Grit Merkel vom Mannheimer Nationaltheater sang, begleitet vom Komponisten am Flügel, erstmals das neue Lied und das vollbesetzte "närrische Haus" schunkelte mit.

Unter dem Motto "noch größer, noch schöner" zog am Fasnachtsdienstag wieder der närrische Fasnachtszug durch die Straßen Speyers, ein witziger Speyerer Bilderbogen in 36 Nummern und vielen Festwagen, darunter das Narrenschiff mit dem Hofstaat der Prinzessin und der große Wagen des Elferrates in seinem närrischen Schmuck. Anschließend wurde ein Narrengericht auf dem Rathausbalkon abgehalten - leider wurde dieser schöne Narrenbrauch später nicht mehr aufgenommen.

Im Mai weilte die Nürnberger Trichter-Gesellschaft vier Tage zu Besuch in Speyer. Dabei wurde die närrische Ehe Nürnberg-Speyer von einem knappen Hundert Speyerer und Nürnberger Fasnachtern geschlossen.

Die SKG Garde Rot-Weiß wurde gegründet - für die Uniformen fand man im schnakenreichen Speyer sehr schnell ein Vorbild: das "Flit-Männchen", Markenzeichen eines damals weit verbreiteten Insektenbekämpfungsmittels.

Der Große Aschermittwoch

"Nun sind zu Ende diese tollen Wochen, der Aschermittwoch ist hereingebrochen. Ich lege ab des Diademes Zier, der Hering ist jetzt Wappentier. In dunkle Schränke sinkt der Flitterstaat, die Schellenkappe wird heut' abgenommen, der Leichtsinn wandelt auf der Tugend Pfad, die stille Zeit des Jahres ist gekommen. “

Als sich Prinzessin Else I. am Aschermittwoch 1939 (22. Februar) von ihren Narren verabschiedete und diese Verse aufsagte, da ahnte niemand, dass - wie Richard Mandler schrieb - "nun für viele trübe, schwere Jahre der große Aschermittwoch drohend am Himmel stand ..."

Für einen am 29. August geplanten Meisterabend froher Unterhaltung mit Rosita Serrano, der berühmten chilenischen Lied- und Chansonsängerin, und dem Solo-Xylophonisten Kurt Engel von der Staatsoper Berlin und seinem Orchester im Stadtsaal lag zwar schon ein gedrucktes Programm vor - aber der Abend wurde von der Partei untersagt. Kriegsschatten verboten ungetrübte Heiterkeit.

Am 31. Oktober 1939 setzte ein Festliches Variete mit den vier Philipps im Stadtsaal den endgültigen Schlußpunkt. Stunden später verkündete der Führer und Reichskanzler den Krieg... die Tragödie nahm ihren Lauf. Rund die Hälfte der nach letztem Vorkriegsstand 200 SKG-Mitglieder standen im Felde.

carnival-2010111_640.jpg
mardi-gras-1176483_640.jpg
carnival-3076952_640.jpg